Germany’s Marie Kondo: Frankfurter Start-up räumt professionell auf



Die japanische Aufräum-Beraterin Marie Kondo ist spätestens seit Start ihrer Netflix-Serie in aller Munde. Doch auch in Deutschland ist die Geschäftsidee längst angekommen. Wir haben mit Sabine Nietmann, der Gründerin des Frankfurter Start-ups „The Organicer“, über das Geschäftsmodell aufräumen – und den sozialen Gedanken hinter dem Projekt – gesprochen. 

GründerDaily: Sabine, erzähl unseren Lesern doch zuerst einmal kurz, wann und wie du auf die Geschäftsidee von „The Organicer“ gekommen bist. 

Sabine Nietmann von The Organicer:  Tatsächlich hatte ich 2015 bereits von Marie Kondo gehört und zu dem Zeitpunkt das Gefühl, ich „ersticke“ in meiner Wohnung vor lauter Kleidung und Krimskrams. Ich habe mir dann ihr Buch „Magic Cleaning“ gekauft, aber ehrlich gesagt auch nur halbherzig damit angefangen, weil ich viele Herangehensweisen als eher unrealistisch und – Hand aufs Herz – esoterisch empfinde. Beispielsweise finde ich es überflüssig, mich aktiv von jedem Paar Socken zu verabschieden…

The Organicer
Socken behalten – selbst in der Sockenkiste wird aufgeräumt (Foto: The Organicer)

Trotzdem fand ich einige Gedanken sehr inspirierend und ein langer Prozess des Aus- und Aufräumens begann. Mit einer Freundin und Kollegin – ich arbeite hauptberuflich als Flugbegleiterin – habe ich mich regelmäßig über  das Thema ausgetauscht und im Spaß entstand gemeinsam die lose Idee, mehr daraus zu machen. Die Initialzündung kam mir dann in einer schlaflosen heißen Sommernacht im August 2018. Ich stand um 3 Uhr morgens auf, recherchierte den Markt der Professional Organizer in Deutschland und stellte fest, dass trotz des bereits andauernden „Organizer und Cleanfluencer“ Hypes in den USA in Deutschland noch kaum Unternehmen existierten.

GründerDaily: Dann hast du den Schritt nebenberuflich gewagt: Welche Erfahrungen hast du während des Gründungsprozesses gemacht und welche Learnings kannst du anderen Gründer weitergeben?

Sabine Nietmann von The Organicer:

  1. Einfach machen – ein bisschen Risiko gehört immer dazu.
  2. Reden Reden Reden – jeder hat einen anderen Blickwinkel und gibt Dir noch einen Tipp!
  3. Netzwerken – Suche in Deiner Stadt nach Start-up-Communities und gehe auf alle Events, die Du finden kannst!
  4. Mitbewerber befragen – wir haben Professional Organizer aus anderen Großstädten (also keine „direkte Konkurrenz“) angeschrieben und ihnen unsere Fragen gestellt. Alle haben sehr nett und hilfsbereit geantwortet!
  5. Recherchieren – Viele Angebote, die Start-ups unterstützen, sind kostenlos. Einfach mal zur örtlichen IHK gehen oder schlicht im Netz nach Start-up-Beratern suchen!

GründerDaily: Und wie funktioniert „The Organicer“ im Alltag? Kunden beschreiben ihr Problem und machen einen Termin aus – den Rest regelt ihr?  

Sabine Nietmann von The Organicer: Genau, wir kommen entweder zu einem ersten kurzen Kennenlernen und einer „Situationsevaluation“ vorbei oder man sendet uns Fotos der Projekte zu. Wir überschlagen dann, wie viele Stunden wir in etwa brauchen werden. Dann kann der Kunde entscheiden, welches unserer drei Pakete er wählen möchte – von der einfachen Unterstützung und Beratung über den Einkauf von Boxen und Labelgeräten bis hin zu einem All-Inclusive-Paket mit Abtransport der aussortierten Sachspenden.

In jedem Paket ist eine gewisse Anzahl an Stunden enthalten, alles darüber hinaus wird per Stundensatz vergütet. Wir haben die verschiedensten Bereiche, für welche die Kunden uns buchen, da ist wirklich alles dabei: Kinderzimmer, Kleiderschränke, Keller, Küchen, Dachboden, etc.

GründerDaily: Wie lange seid ihr durchschnittlich vor Ort und warum machen die Kunden das nicht selbst?

Sabine Nietmann von The Organicer: 

Im Schnitt sind wir pro Projekt zwischen 5 und 7 Stunden vor Ort.

Wir unterscheiden auch je nach Projekt, ob der Kunde dabei sein muss, kann oder soll. Einen Kleiderschrank können wir nicht ohne Kundenpräsenz bearbeiten, eine Küche eventuell schon. Wer denkt: Wozu brauche ich denn jemanden, der für mich aufräumt?

Wir vergleichen uns gerne mit Personal Trainern: Niemand braucht einen Personal Trainer, denn jeder kann prinzipiell für sich allein trainieren – der Personal Trainer motiviert aber, stellt sicher, dass man dranbleibt und – am allerwichtigsten – es bis zum erfolgreichen Abschluss durchzieht.

Insgesamt möchten wir unseren Kunden einfach vermitteln, dass man mit weniger, als man denkt, glücklich sein kann. Im Gegenteil: Je leichter sich die ganze Wohnung anfühlt, desto mehr hat man das Gefühl, nicht nur seine Wohnung, sondern sein ganzes Leben wieder mehr unter Kontrolle zu bekommen bzw. mehr Einfluss zu haben. Außerdem: Wenn man all seine Besitztümer schön sortiert vor sich sieht, weiß man genau, was man hat, schätzt jedes einzelne Stück viel mehr und verändert damit nachhaltig seine Sichtweise auf Konsum, im Sinne von Qualität vor Quantität.

GründerDaily: Wer genau ist die Zielgruppe von „The Organicer“?

Sabine Nietmann von The Organicer: Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich Großstädter im Rhein-Main-Gebiet, vor allem Frauen zwischen 26 und 45, die begrenzt in ihrem Wohnraum sind. Wir haben z.B. viele Eltern und Familien unter unseren Kunden, die mit uns ihre Kinderzimmer neu organisieren. Oft ist es aber auch so, dass Paare zusammenziehen und sich dann zwei Haushalte in einem wiederfinden sollen – hier geht es dann ganz einfach darum, mit uns als „neutralem Vermittler“ einen gemeinsamen Haushalt zu schaffen. Tatsächlich ist Chaos in der Wohnung ein häufiger Streitpunkt bei Paaren.

GründerDaily: Seit Februar ist „The Organicer“ offiziell als Start-up angemeldet. Wie betreibst du die Kundenakquise?

Sabine Nietmann von The Organicer: Der Großteil läuft bei uns über Mundpropaganda – ein zufriedener Kunde erzählt seinem Freundes- und Familienkreis von uns und dann kommt der oder die nächste auf uns zu. Wir sind außerdem sehr aktiv bei Instagram – gerade die Vorher-Nachher-Bilder kommen sehr gut an, denn sie können ja nicht lügen und zeigen, was unsere Dienstleistung wert sein kann! Außerdem geben wir auf regelmäßig Tipps und Motivation rund ums Organisieren und Strukturieren, die man ganz einfach zuhause nachmachen kann.

Keller - The Organicer
Vorher vs. Nachher: Im Keller steht das Aufräumen an letzter Stelle? Nicht bei „The Organicer“! (Foto: The Organicer)

GründerDaily: Du stehst bereits im Kontakt mit Partnern für verschiedene soziale Aktionen. Erzähle uns doch kurz von den Kooperationen und ersten Erfahrungen.  

Sabine Nietmann von The Organicer: Wir sind mit einigen Organisationen im Gespräch, um die aussortierten Gegenstände zu spenden.

  • Mit der Stadtbücherei Frankfurt möchten wir gerne zusammenarbeiten und z.B. sehr aktuelle und gut erhaltene Bücher und DVD-Spenden abgeben.
  • Gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt sammeln wir im Rahmen der Aktion „Ein Handy für den Gorilla“ alte Handys und Tablets, die dann eingeschickt und deren wertvolle Rohstoffe dann wiederverwertet werden. Im Umkehrschluss heißt das, dass die recycelten Rohstoffe nicht mehr abgebaut werden müssen und wertvoller Lebensraum der Gorillas erhalten bleibt.
  • Zum Sozialkaufhaus Neufundland in Frankfurt bringen wir größere Möbel-Spenden, die dort dann aufbereitet oder für Upcycling verwendet werden.
  • Bei Oxfam geben wir viele unserer Kleider und Haushaltsspenden ab.
  • Bei der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) in Frankfurt für den Pfennigbazar im September und bei „Stifte stiften“ spenden wir Stifte und sämtliche Büroartikel.

Wie anfangs bereits erwähnt, bin ich hauptberuflich weiterhin als Flugbegleiterin tätig und habe bei einem Besuch in einem Massai Dorf in Kenia gesehen, an was es den Kindern und ihren Eltern fehlte: Kleidung, Schuhe, Schulmaterialien etc. Im Anschluss habe ich einigen Kollegen, die nach mir dort waren, geschrieben und sie gebeten, Spenden mitzunehmen. Das möchte ich nun mit meinem Arbeitgeber (Airline) zusammen in einem Konzept professionalisieren. Aber auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es noch mehr Anlaufstellen, wo Unterstützung gebraucht wird.

GründerDaily: Vergangene Woche hast du zum Weltfrauentag „Women Who Inspire Rhein Main“ im Frankfurter Coworking Space WeWork gepitcht. Welche Inspiration willst du unseren Lesern noch mitgeben?

The Organicer - WeWork
Sabine Nietmann ist die Gründerin von „The Organicer“ – hier beim Pitch im WeWork (Foto: The Organicer)
  • Hinweis der Redaktion: ist ein Anbieter von CoWorking-Spaces, der in Deutschland in Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg und München attraktive Arbeitsplätze für Gründer anbietet. Auch zahlreiche Networking-Events, von denen Start-ups profitieren, werden in den Räumlichkeiten angeboten.

Sabine Nietmann von The Organicer: Das war alles sehr aufregend und ich bin immer noch überwältigt, dass wir bereits so früh in unserer Start-up-Entwicklung so viel Aufmerksamkeit – medial und in Netzwerken – bekommen. Sicher hat dies auch viel mit dem Netflix-Hype um Marie Kondo seit Anfang des Jahres zu tun – wir haben einfach den Nerv der Zeit getroffen. Aber wir müssen jetzt natürlich auch liefern. Ich sehe das aber positiv und halte es da wie meine Kindheitsheldin Pippi Langstrumpf:

Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.

GründerDaily: Zum Abschluss – wie sieht es bei dir privat aus: Wird hier konsequent sortiert oder bleibt am Ende des stressigen Alltags dann doch auch mal etwas liegen?

Sabine Nietmann von The Organicer: Ehrlich gesagt habe auch ich noch nicht alle Ecken in meiner Wohnung durchorganisiert. Vieles sieht schon viel besser aus als vor drei Jahren, aber ich bin noch nicht fertig – und das ist auch gut so, denn so verliere ich die tiefe Empathie für meine Kunden und Kundinnen nicht und es macht mir schließlich auch Spaß.

Eins weiß ich: Ich werde selbst nie eine Minimalistin mit 10 Kleidungsstücken sein, das bin einfach nicht ich und muss ich auch nicht sein, aber man kann ja auch etwas mehr Struktur und Organisation in seine Wohnung bringen, einfach, weil man zu faul zum Suchen ist – ordentlich glücklich eben.

GründerDaily: Vielen Dank für deine Einblicke, Sabine!